Die Demontage eines Menschen

Heute hat das Landgericht Mannheim Jörg Kachelmann aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Somit findet einer der „spektakulärsten Prozesse in der Geschichte der Bundesrepublik“ [Stern.de] endlich ein Ende. Aber war es wirklich ein spektakulärer Prozess, aber warum leisten wir uns so eine Farce.
Kaum ein Prozess wird nicht von den Medien als spektakulär bezeichnet, in aktueller Zeit findet die Verwendung dieses Wortes nahezu inflationär statt. Die Geschichte der Bundesrepublik wird von einigen großen Prozessen begleitet: Die junge Bundesrepublik mit den Nürnberger Prozessen gegen die Hauptkriegsverbrecher und die Nachfolgeprozesse, der Deutsche Herbst mit dem Prozess gegen den Führungskader der RAF, die Neue Marktblase mit den großen Wirtschaftsstrafsverfahren. All diese Prozesse haben gemeinsam, dass sie für das Jahrzehnt in dem sie stattgefunden haben, wegweisende Bedeutung hatten. Im Nürnbergerprozess wurden die Weichen für die Demokratisierung und Entnazifizierung Deutschlands gelegt. Der Stammheimerprozess gegen Bader, Enslin, Raspe und Meinhof war das Zeichen, dass die Bundesrepublik mit aller rechtsstaatlichen Härte gegen Terroristen vorgeht. Im Rahmen dieses Prozesses wurde sogar noch weiter gegangen und explizit in die Strafprozessordnung eingegriffen um das Verfahren aufrecht zuerhalten. Die Wirtschaftsverfahren in den 90igern und Anfang des Jahrtausends haben das Geklüngel und die Vetternwirtschaft, sowie die enormen Leistungsunabhänigen Boni offengelegt und Zeichen, wie Ackermanns Victory, gesetzt.
Was bedeutet Spektakulär eigentlich? Das Wort kommt vom Lateinischen Spektakel, das Schauspiel, Augenweide, aber auch Lärm und Krach bedeuten kann. Es kann sowohl positiv als auch negativ verwendet werden. Ein Prozess kann und darf jedoch in meinen Augen keines Falls zum Spektakel werden. Wenn der Eindruck entsteht, dass die Gerichte nur noch zu Farce werden und Prozesse nichts anders als Schauspiel sind, dann geht uns der letzte Rest rechtsstaatlichen Rechtsschutzes verloren.
Vor diesem Hintergrund möchte ich nun den Kachelmannprozess betrachten. Die Farce beginnt mit der völlig unnötigen Festnahme nach den Olympischen Spielen auf dem Frankfurter Flughafen, sowie der sofortigen Offenlegung der Identität des Festgenommenen durch die Staatantwaltschaft. Es bleibt der Eindruck nicht aus, dass hier ein Staatsanwalt sich auf Kosten der Rechte von Jörg Kachelmann ins mediale Interesse rücken wollte. Für jeden Menschen besteht das Recht auf seine Privatsphäre, insbesondere aber für auf staatliche Veranlassung Festgehaltene, wie zum Beispiel Kriegsgefangene, warum grade im Fall Kachelmann sofort ohne Rücksicht die Öffentlichkeit informiert werden musste, erschließt sich mir nicht.
Ein Angeklagter ist solange unschuldig, bis zu seiner rechtskräftigen Verurteilung. Der bereits erlittene Imageschaden durch die Offenlegung seiner privaten Lebensverhältnisse wiegt schlimmer als jeder Verurteilung. Es bleibt nur zu hoffen, dass Jörg Kachelmann sich davon erhohlt.
In diesem Sinne: Rechtsstaat muss für alle da sein, insbesondere für die Schwachen.

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