Risikokultur

Dr. Wolfgang Herles ist Journalist beim ZDF. Warum ich das erzähle? Weil Dr. Herles in seinem aktuellen Blogpost im Blog des ZDFs ein wunderbar verwertbares Statement abgibt.

Jeder technologische Fortschritt in der Geschichte der Menschheit wurde begleitet von Katastrophen. Aus allen haben die Menschen gelernt – aus dem Untergang der Titanic, aus Contergan, aus Tschernobyl. Vermeidbar waren alle Katastrophen und dennoch am Ende nützlich.

Ja, wir haben gelernt, aber zu welchen Preis? 1.500 Menschen starben auf der Titanic. 5.000 Menschen sind mit schrecklichen Fehlbildungen zur Welt gekommen. Selbst bei günstiger Schätzung starben durch Tschernobyl 4.000 Menschen, weitere Tausende leiden noch durch die erhöhte Strahlendosis, die immer noch signifikant ist, an Krebs und anderen Krankheiten.
Und was war der Lernerfolg auf der anderen Seite? Schiffe sollte man stabil bauen und nicht auf zu viele Rettungsboote verzichten, Medikamente sollten auf Unverträglichkeiten getestet werden und nicht an Schwangere verabreicht werden, Kernenergie ist sicher wenn der Reaktor nicht im Ostblock steht. Dürfen uns diese Einsichten den Tod oder lebenslange Krankheit von tausenden Menschen wert sein?
Ich sage nein! Kein Fortschritt ist den Tod von Menschen wert.

Je größer der Nutzen einer Technologie ist, desto größer ihre Risiken. Panik hat noch nie geholfen. Die frühen Menschen haben nach der ersten selbstverschuldeten Feuersbrunst das Feuer nicht ausgehen lassen. Sie hätten sich selbst ausgelöscht.

Man kann das auch anders formulieren: Je besser die Risiken einer Technologie versteckt werden, desto größer ist der Nutzen. Fakt ist, dass weder die Entlagerung von radioaktiven Abfällen geklärt ist, noch sicher gestellt werden kann, dass keine radioaktive Stoffe unkontrolliert eine kerntechnische Anlage verlassen. Es ist keine Panikreaktion, die Nutzung der Kernkraft kritisch zu hinterfragen.  Außerdem war ich bislang immer der Meinung, dass Feuer ursprünglich durch Blitzeinschläge in Brand geratene Bäume und Büsche zu den Menschen gekommen ist. Aber man lernt ja nie aus.

Wer das heute sagt, gilt schnell als zynisch.

Ja, zu Recht. Es ist zynisch.

Aber keine Naturkraft ist an sich moralisch verwerflich. Auch nicht die Kernspaltung

Ja, das ist wahr. Ich mache keinem Atom einen Vorwurf weil es sich spaltet und dabei Energie freisetzt. Es ist dazu nun mal durch die grundlegenden physikalischen Gesetzmäßigkeiten gezwungen. Wem ich einen moralischen Vorwurf mache, sind die Menschen, die diese physikalischen Gesetzmäßigkeiten als Waffe einsetzen um tausende Menschen zu töten und Milliarden Menschen über 40 Jahre in einem kalten Krieg zu halten. Darüberhinaus mache ich auch jenen einen Vorwurf, die vorgeben die Energie zum allgemeinen Nutzen völlig risikofrei Nutzen zu können und sich im Endeffekt nur die eigenen Taschen voll machen. Insbesonderen werfe ich den damaligen Politikern, die die Nutzung der Kernkräfte erlaubt haben ohne eine finanzielle Regelung für die Entlagerung getroffen zu haben, vor, dass sie im Namen des Volkes ihre Kinder und Kindeskinder auf Generationen zum Tragen dieser Ewigkeitskosten verpflichtet haben.

Es wäre gut fürs Gewissen, aber nicht für die Welt, wenn die Deutschen nun aussteigen würden.

Nicht nur für unser Gewissen, sondern auch für unsere Wirtschaft, unsere Umwelt und den Wissenschaftsstandort Deutschland. Und natürlich auch gut für die Welt. Mit Deutschland als einem der Vorreiter auf dem Feld der regenerativen Energien, kommt die Welt noch schneller von Kernkraft und fossilen Brennstoffen los.

China will 50 neue Kernkraftwerke bauen, auch europäische Nachbarn wie die Polen setzen auf Kernkraft, ziemlich unbeeindruckt vom Unglück in Japan.

Um so besser für uns. Jetzt genau jetzt ist die Zeit für die Energiewende gekommen, wer das nicht erkennt wird auf Jahrzehnte an der Entwicklung alternativer Energien, wie Wind, Wasser, Photovoltaik, Biomasse und Geothermik,  gehindert.

Moralisch sinnvoll wäre es, an der Weiterentwicklung der Kerntechnik mitzuwirken, Verbesserungen mitzuentwickeln. Es gibt ungefährliche Kernkraftwerkstypen (der Kugelhaufenreaktor zum Beispiel), die bisher nicht realisiert wurden.

Ja stimmt, es ist moralisch bestimmt sinnvoll unsere Kräfte an der Verbesserung einer Technik zu binden für die in wenigen Jahren der Energieträger ausgeht. Selbst die Atomlobby geht von maximal Uran für 161 Jahre aus, im Durchschnitt eher 100 Jahre. Inwiefern ein Kugelhaufenreaktor sicher seinen soll müssen Sie mir auch mal erklären, im Jülicher Forschungsreaktor mussten die Kugeln nach Ende der Lebensdauer aus der Bodenplatte gekratzt werden.

Angststarre darf nicht Leitlinie verantwortungsvoller Politik sein.

Exakt. Wir müssen unsere auf Atomkraft gestützte Starre in der Energiepolitik aufbrechen und bereit sein das Wagnis erneuerbare Energie anzugehen.

Mich besorgt Fortschrittsfeindlichkeit.

Spätestens ab diesem Satz zweifele ich an Ihrem geistigen Zustand Herr Dr. Herles. Nur weil eine offensichtlich gefährliche Technologie abgelehnt wird, ist man kein Feind des Fortschrittes. Lassen sie es mich an einem Beispiel erklären: Sie gehen zur Wahl und wählen eine Partei. Sind sie jetzt Feind aller anderen Parteien? Nein natürlich nicht, sie haben sich nur für das beste Angebot entschieden. Was hier gerade passiert ist keine Fortschrittsfeindlichkeit, es tritt nur offen zur Tage, dass Atomkraft nicht mehr die beste Wahl ist.

Wir brauchen eine Risikokultur, wie sie der Soziologe Ulrich Beck fordert. Das heißt, Risiken sorgfältig abzuwägen, das Gespräch darüber ständig wach zu halten in der Gewissheit, sie nie ganz ausschalten zu können. Das gilt nicht nur für die Kernenergie

Ist es nicht genau, dass was grade passiert? Es treten „neue“ Risiken zu Tage, es kommt zu einer Neueinschätzung der konkreten Risiken in Deutschland und zu einer Minimierung der Risiken durch den Wechsel auf weniger risikoreiche Technologien.
In diesem Sinne: Für eine Risikokultur der kleinen Risiken.

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