Wikileaks oder die ersten Gefechte im Internet

Die Veröffentlichungen von Wikileaks sind im Moment auch in den „normalen“ Nachrichten eine der mitbestimmenden Nachrichten. Was wir hier erleben sind die ersten Gefechte in einem Informations und Internetkrieg, wie er in wenigen Jahren unsere Welt bestimmen wird. Das Internet wird das Schlachtfeld des 21 Jahrhunderts sein.
Diese hat verschiedene Gründe, die ich hier kurz beleuchten möchte:
Das Internet ist das Rückgrat und das Gehirn der modernen Gesellschaft. Als Anfang des Jahres ein unaussprechlicher Isländischer Vulkan sich mit heftigen Eruptionen gegen seinen Namen gewehrt hat, wurde an jeder Ecke davon geredet, dass das die Weltwirtschaft von dem Ausfall der Flugrouten in Europa und nach Amerika geschädigt werden würde. Das ist lachhaft. Wenn ein paar Manager und Investmentbanker zu spät zum Dinner nach London kommen, ist das vielleicht eine persönliche Tragödie, aber für die Weltwirtschaft in meinen Augen sogar noch vorteilhaft. Stellen wir uns jetzt aber mal einen vollständigen Zusammenbruch des Internets für sagen wir mal 48 Stunden vor.
Zuerst brechen die Finanzmärkte zusammen: Ohne dauerhaften Datentransport bricht das fragile System des Computerhandels zusammen. Ohne Verbindungen zu den Zentralen können noch nicht einmal mehr normale Auszahlungen getätigt werden. Von einem Moment auf den Anderen funktioniert kein Bankautomat und kein EC-Karten-Terminal mehr. Die Verwirrung und die Panik die sich in so einem Moment  breit macht, sieht man zum Beispiel 1929 in der Weltwirtschaftskrise oder beim Staatsbankrott 2001/2002 in Argentinien. Die Realwirtschaft ist durch den Wegfall der elektronischen Zahlungsmöglichkeit und die absolute Beschränkung des Bargeldes massiv in ihrem Handeln eingeschränkt. Desweiteren bricht durch den Wegfall des Internets nicht nur die Kommunikation zwischen Computern zusammen, sondern auch die weitaus meisten Telefon und Mobilfunknetze basieren im Inneren auf Internettechnologie.
Das Internet ist verwundbar: Auch wenn das Internet von seiner Anlage her einen Atomkrieg überstehen sollte, was durch die strikte Dezentralisierung der Verbindungen und der notwendigen Verwaltungsserver erreicht werden sollte, ist es durch wenige zentrale Komponenten und seine beschränkte Leistungsfähigkeit leicht angreifbar. Ich will nur 2 Systeme nennen die für das Internet von zentraler Bedeutung sind: Das Root-DNS und der zentrale Europäische Netzkonten in Amsterdam. Die Root-Namensserver sind verantwortlich für die Beantwortung für die Anfragen nach Top Level Domains, wie .de und .com. Ihre Antworten werden in der Regel von jedem DNS-Server für eine gewisse Zeit zwischen gespeichert. Durch gezielte Angriffe konnte allerdings bereits die Antwortzeiten dieser Server verlangsamt werden. Ein Angriff der länger dauert als der normale Zwischenspeicherungszeitraum sollte das gesamte Internet, so wie wir es mit dem Domain-Schema kennen, lahmlegen. Durch einen gezielten Angriff auf die Amsterdam Internet Exchange wäre man in der Lage die Netze der einzelnen Provider voneinander zu trennen und das Internet quasi aufzuspalten. Zu guter Letzt gibt es noch die Möglichkeit die großen Internetrouter, die den kürzesten Weg vom Anwender zu einem bestimmten Server kennen zu manipulieren. Dies ist vor wenigen Jahren in Pakistan geschehen. Die Pakistanische Regierung hat die pakistanischen Internetprovider angewiesen YouTube zu sperren, hierzu verwendete der Internetprovider einen Trick und trug in seine Router als kürzesten Weg zu YouTube den „elektronischen Mülleimer“ ein. Durch verschiedene Internetprotokolle, die verwendet werden um Netzausfälle zu kompensieren und immer schnellere Verbindungen aufbauen zu bauen, wurde diese „kürzeste“ Route über die Welt in verschiedene Router verteilt, die alle Anfragen nach YouTube an den pakistanischen Internetprovider. Somit war YouTube nicht nur in Pakistan sondern auch in verschiedenen anderen Teilen der Welt nicht mehr erreichbar. Dies wurde vor kurzen wiederum von China eingesetzt um einen Teil des gesamten Internetdatenvolumens durch eigene Server zu leiten und möglicherweise zu speichern.
Da die Auswirkungen so extrem sind und das Internet zu mindestens nicht unangreifbar ist, wird es in Zukunft vermehrt zu Angriffen auf Server und auf die Datenübertragung als solches kommen. Hier sind zum einen die bereits existierenden Botnetze zu nennen, die im Moment noch unkoordiniert arbeiten. Für den Fall, dass sich alle Botnetzbetreiber zusammen tun und gemeinsam beginnen ein Land oder eine Firma zu erpressen, ist das Internet eine massiven Bedrohung ausgesetzt. In Zukunft werden auch vermehrt Staaten im Internet als Agressor auftreten. Hier kommen wir zurück zu Wikileaks.
Wikileaks hat mit der Veröffentlichung von geheimen militärischen und politischen Datensätze den ersten Angriff auf die USA geführt. Die USA hat daraufhin durch verschiedene hochrangige Regierungsstellen mit einem umfassenden Gegenschlag gedroht. Binnen weniger Tagen wurden die Wikileaks-Server mit verteilen Denial of Service (DDoS) lahmgelegt, verschiedene von Wikileaks kommunizierte Spendenmöglichkeiten wurden von Paypal, Mastercard bis Visa auf Druck der US-Regierung lahmgelegt.  Verschiedene nicht mit Wikileaks verbundene Organisationen haben daraufhin wiederum über DDoS-Angriffe die genannten Zahlungsdienstleister angegriffen und zu mindestens anscheinend bei Mastercard einen Volltreffer gelandet.
Dies sind in meinen Augen die ersten Scharmützel in einem aufziehenden Internetkrieg. Die ersten Länder haben bereits Stellung bezogen, der Bolivianische Vizepräsident ist einer der Mirrors der Wikileakswebseite.
Ich bin, gerade weil ich heute das Collateral Murder Video noch einmal angesehen habe, der Meinung, dass Wikileaks das einzig Richtige tut. Krieg ist niemals sauber, aber spätestens bei dem Angriff auf den Schwarzen Bus, mit Menschen die den Verwundeten helfen wollen und auch helfen, wurde jede Grenze überschritten. Es ist und bleibt ein Kriegsverbrechen. Und Wikileaks tut nichts anderes als echte investigative Journalisten auch, sie decken Kriegsverbrechen auf. Sicher wird im Moment aus bestimmen Motiven der Schutz von Unbeteiligten Vernachlässigt und das ist auch zu verurteilen. Aber das Prinzip Wikileaks ist, wie Marc schon geschrieben hat, „alternativlos“.
Zu guter Letzt noch ein Auszug als Deutschlands meistverkauftem Satieremagazin, der Bild:

Journalismus wägt ab und gräbt tiefer, denn er weiß: Die Wahrheit liegt meist unter der Oberfläche. Der Journalist will die Welt erklären. Assange will nur bloßstellen und Vertrauen zwischen den Staaten zerstören. Damit erklärt er sich selber zum Staatsfeind.

Grade die Bildzeitung ist für ihren investigativen Journalismus bekannt. Oder um es mit Bildblog zu sagen:

Zum Staatsfeind wird man also, wenn man keinen ordentlichen Journalismus betreibt, die Wahrheit unter der Oberfläche ignoriert und nur bloßstellen will. Wenn es danach geht, müsste Elitz [der Verfasser des Bild-Zitates] eigentlich in Kürze zum Einsatz der Bundeswehr gegen Bild.de aufrufen.

In diesem Sinne: Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist wie sie ist, es wäre nur deine Schuld wenn sie so bleibt.

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